Wochenende

hannover_bahnhofWie ein kalter Schauer überdeckte er alles um sie herum. Er tränkte die Erde unaufhörlich mit einer Flut schwerer Regentropfen. Erleichtert schloss sie den Regenschirm, als sie an dem kleinen Wartehäuschen der Straßenbahn ankam. Ihre Schuhe waren nass geworden und sie spürte, wie die Feuchtigkeit durch ihre dünnen Socken drang. Auch die Hosenbeine hatten reichlich vom kühlen Nass aufgesogen und lagen Klamm an ihren Beinen.

Es war Sommer, doch von Sonne keine Spur. Eine undurchdringliche Wolkendecke hatte sich über das Land gelegt und trübte ihr Gemüt. Fröstelnd prüfte sie die Bank, ob sie vom Regen verschont geblieben war und setzte sich.

Niemand außer ihr schien hier zu warten. Hier am Endpunkt der Linie 3. Sie zog die Jacke enger um sich und wartete. Wie gern wäre sie zu Hause geblieben, mit warmen Socken, einer kuscheligen Decke und einer Tasse heißen Kakaos.

Nach 4 langen Minuten kam die Bahn. Es war ein altes Modell, wie sie auf den nicht so befahrenen Strecken eingesetzt wurden. Ein letztes Mal spannte sie ihren Schirm auf und trat aus dem Schutz des Häuschens hinaus.

In einer Eckbank sitzend beobachtete sie die vorbeiziehenden Häuser und Straßenzüge. Sie waren ihr so vertraut und doch so fremd. Sie sah sie fast jeden Tag auf dem Weg in die Stadt und doch hatte sie sie nie betreten.

Mit jeder Station füllte sich die Bahn mehr und mehr. Doch es war nichts im Verhältnis zu den Menschenmassen, die sie sonst zur Stadtmitte transportierte. Das war sicherlich auch der Grund, warum man am Wochenende die neueren, klimatisierten Züge gegen die alten, etwas wackeligen Modelle tauschte.

Während all diese Menschen auf dem Weg zu Freizeitaktivitäten unterwegs schienen und ihre Wochenendpläne diskutierten, fühlte sie sich plötzlich sehr allein. Sie war auf dem Weg ins Büro, um liegen gebliebene Arbeit zu erledigen. Der Kunde erwartete den Abschluss des Projekts ohne weitere Verzögerung für Montag. Sie hatte keine andere Wahl.

Nicht einmal das Wetter schien ihr wohl gesonnen, denn der Regen ließ einfach nicht nach. So beobachtete sie das Spiel der Wassertropfen auf der Straße bis die Bahn sich hinab in den unterirdischen Teil ihrer Strecke wandte.

Es waren nur noch zwei weitere Stationen bis zum Hauptbahnhof. Sie würde dort aussteigen und sich ihren Weg zum Büro bahnen.

> Geschrieben im Juli 2009 als ich in der Straßenbahn saß und tatsächlich an einem Samstag auf dem Weg ins Büro war.

One thought on “Wochenende

  1. Jens

    Na zum Glück durfte sie bei dem Schei..wetter arbeiten, wäre ja blöd, wenn die Sonne geschienen hätte.

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